Grundlagen
Wie viele Töne gibt es eigentlich? Der Einstieg vor Tonleitern und Akkorden
SMART FRET Team ·
Bevor man sich auf Tonleitern und Akkorde stürzt, lohnt sich eine Frage, die kaum jemand stellt: Was ist das eigentlich, und wie hängt es zusammen? Genau wie in der Küche ist es leichter, ein Rezept zu lernen, wenn man vorher weiß, was die einzelnen Zutaten sind. Die meisten Ratgeber steigen mitten in der Küche ein, direkt bei den Tonleitern. Das ist fachlich richtig, aber didaktisch der falsche Startpunkt. Hier ist der richtige.
Es gibt nur 12 Töne
Bei Millionen veröffentlichter Songs klingt es unglaubwürdig, aber die Musik kommt mit erstaunlich wenig Material aus: Es gibt nur 12 Töne. Diese 12 wiederholen sich, immer wieder, endlos nach oben und unten.
Stell dir eine Wendeltreppe vor, die nach unten und nach oben ins Unendliche geht. Diese Treppe besteht aber eigentlich nur aus 12 Stufen, die sich ständig wiederholen. Diese 12 Stufen stehen für die 12 Töne, vom tiefsten Ton, den du hören kannst, etwa dem Subbass vor einem Klub um die 30 Hz, bis zu einem sehr hohen Fiepen bei rund 18.000 Hz.
Seitenansicht
Von oben
Das bedeutet: Egal wo du auf dieser Wendeltreppe stehst, gehst du zwölf Stufen nach oben oder unten, landest du wieder auf derselben Note. Die Stufen tragen Namen: C, C#/Db, D, D#/Eb, E, F, F#/Gb, G, G#/Ab, A, A#/Bb, B, dann wieder C. Manche Namen erscheinen doppelt, C# und Db sind derselbe Ton. Das hört man besser, als man es liest, und auf der Treppe oben lässt es sich anklicken.
Musik ist Limitation: 12 Töne, aber nicht alle auf einmal
Jeder Song, den du je gehört hast, ist im Kern nichts anderes als eine Entscheidung: Für welche dieser 12 Töne entscheide ich mich? Man kann sich das wie eine Palette mit 12 Farben vorstellen. Nimmst du alle 12 für ein Bild, wird es wild, jede Farbe ungefiltert. Willst du stattdessen eine bestimmte Emotion einfangen, entscheidest du dich vielleicht nur für Blau, Grau und Rosa.
Genau das macht eine Tonleiter. Sie sagt: Ich habe 12 Töne zur Verfügung, ich entscheide mich für eine bestimmte Auswahl davon, meistens sieben, und diese Auswahl hat einen bestimmten Rhythmus aus kleinen und größeren Abständen zueinander. Darum geht es in den nächsten Artikeln, wenn wir Dur und Moll konkret aufbauen.
Seitenansicht
Grundton
Warum gerade diese Limitation? Weil unser Gehirn beim Zuhören die Lücken dazwischen als angenehm empfindet. Eine Auswahl, die nicht alles zulässt, erzeugt Spannung, Erwartung, ein Gefühl von „das ist jetzt gerade happy oder sad”. Deshalb klingt zum Beispiel die Pentatonik, eine Tonleiter mit nur fünf statt sieben Tönen, so verlässlich gut: Sie limitiert noch stärker.
Vordergrund und Hintergrund: Akkord und Melodie sind dasselbe Material
Wenn du ein Bild malst, brauchst du einen Hintergrund und etwas, das davor steht. In der Musik ist der Akkord der Hintergrund und die Melodie der Vordergrund, die Brushstrokes, die darübergehen. Beides entsteht aus derselben Auswahl von sieben Tönen, nur wird unterschiedlich viel davon gleichzeitig gespielt.
Aus den sieben Tönen einer Tonleiter entsteht ein Akkord, indem man sich auf drei davon konzentriert: die 1, die 3 und die 5. Diese drei Töne entscheiden maßgeblich, ob etwas happy oder sad klingt (die 3), und die 5 gibt dem Ganzen seinen festen Boden. Alles, was du zusätzlich darüber spielst, also 2, 4, 6 und 7, ist die Melodie über diesem Hintergrund.
Das ist der Grund, warum so viele Gitarrist:innen Akkorde und Tonleitern für zwei getrennte Welten halten, obwohl sie aus demselben Material bestehen. Eine Melodie besteht aus den Intervallen 1 bis 7, ein Akkord aus 1, 3 und 5. Dieselben sieben Töne, nur eine engere und eine weitere Auswahl. Der Akkord steckt in der Tonleiter, nicht daneben. Wie daraus alle Akkordtypen werden, steht im Artikel zu den Akkorden.
Warum ein einzelner Ton nichts sagt
Ein einzelner Ton hat noch kein Gefühl. Erst im Verhältnis zu einem anderen Ton entsteht eines, und dieses Verhältnis nennt man ein Intervall. Weil es 12 Töne gibt, gibt es auch 12 mögliche Intervalle: 12 unterschiedliche Gefühle, die ein zweiter Ton gegenüber einem ersten erzeugen kann. Manche davon klingen hell, manche dunkel.
Wie genau, ist Thema des nächsten Artikels. Aber schon hier lohnt es sich zu wissen: Intervalle, nicht Halb- und Ganztonschritte, sind der eigentliche Bauplan dahinter, warum eine Tonleiter oder ein Akkord so klingt, wie sie klingt.
Musik verändert sich über Zeit, so wie ein Film aus Szenen besteht
Ein Bild, das du anschaust, steht still. Ein Song nicht. So wie ein Film aus mehreren Bildern hintereinander besteht, besteht ein Song aus mehreren Akkorden hintereinander, jeder davon ein kurzer emotionaler Moment, eine Szene. Wechselst du die Reihenfolge der Akkorde, verändert sich das Gesamtbild, genau wie beim Umschneiden eines Films. Manche Songs verweilen lang in einer Szene, andere wechseln schnell.
Das ist der Grund, warum man mit denselben 12 Tönen unendlich viele verschiedene Songs schreiben kann. Es geht nicht nur darum, welche Töne du wählst, sondern auch, in welcher Reihenfolge und wie lange du bei jedem bleibst.
Kurz zusammengefasst
- Es gibt nur 12 Töne. Sie wiederholen sich unendlich nach oben und unten, wie eine Wendeltreppe mit 12 Stufen.
- Musik ist immer eine Auswahl aus diesen 12 Tönen, meistens sieben davon. Das ist eine Tonleiter.
- Aus derselben Auswahl entstehen Akkord (Hintergrund, meist die Töne 1-3-5) und Melodie (Vordergrund, alle sieben Töne). Zwei Perspektiven auf dasselbe Material, kein getrennter Lernstoff.
- Ein einzelner Ton hat kein Gefühl. Erst der Abstand zwischen zwei Tönen, das Intervall, erzeugt eines.
- Ein Song besteht aus mehreren Akkorden hintereinander, so wie ein Film aus Szenen. Reihenfolge und Verweildauer prägen die Wirkung mindestens so stark wie die Tonwahl selbst.
Mehr zu diesem Thema
- Intervalle: die 12 Gefühle zwischen zwei Tönen → Warum ein Intervall mehr sagt als ein Halbtonschritt, wie die helle und die dunkle Version klingen und wo alle 12 in einer Oktave liegen.
- Akkorde: wie aus Intervallen ein Hintergrund wird → Dur, Moll, vermindert, übermäßig und die Septakkorde entstehen aus zwei Schaltern. Wer die Intervalle kennt, muss keine Griffbilder sammeln.
- Die Dur-Tonleiter auf der Gitarre: das Maß für alles andere → Die Dur-Tonleiter aus Intervallen aufgebaut: warum sie das Maß für alles andere ist, wo die drei Lagen liegen und welche Akkorde daraus entstehen.
- Die Moll-Tonleiter auf der Gitarre: dieselben Töne, ein anderer Grundton → Natürliches Moll hat dieselben Töne wie die Dur-Paralleltonart. Welches Intervall kippt, wo die Lagen liegen, und wozu harmonisch Moll gut ist.
- Die Moll-Pentatonik auf der Gitarre: fünf Lagen über den ganzen Hals → Die Moll-Pentatonik ist der Moll-Akkord plus zwei Töne. Warum die 2 und die ♭6 fehlen, wo die fünf Lagen liegen und wie du sie übst.
Mehr zu diesem Modul: Ein Griffbrett für jedes Instrument → Passendes Tutorial: Wie hängen Tonleiter, Akkorde und Modi zusammen? →